Psychische Auffälligkeiten

Psychische Auffälligkeiten und Risikofaktoren

Häufigkeit

Psychische Erkrankungen treten im Kindes- und Jugendalter in vielfältigen Formen auf. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie hat Leitlinien für nicht weniger als 39 Diagnosetypen oder Symptomkomplexe mit einer Vielzahl spezifischer Krankheitsbilder verzeichnet. Psychische Krankheiten und Störungen können demnach in verschiedene Kategorien eingeordnet werden:

  • Entwicklungsstörungen (Sprache und Kommunikation, Lesen, Schreiben, Motorik)
  • Nach innen gerichtete (internalisierende) Störungen (Angststörungen, Phobien, Depressionen, Zwänge, posttraumatische Belastungssymptome)
  • Nach außen gerichtete (externalisierende) Störungen (Hyperaktivität, Störungen des Sozialverhaltens, Aggressivität und Delinquenz)
  • Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit körperlichen Störungen (Essstörungen, Einnässen etc.)


Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von 7- bis 17-Jährigen aus den Jahren 2003 – 200632:

  • 9,7 % der Befragten wurden als „wahrscheinlich psychisch auffällig“ klassifiziert. Bei weiteren 12,2 % lagen Hinweise auf psychische Auffälligkeiten vor („möglicherweise psychisch auffällig“).
  • Jungen wurden mit 10,9 % im Vergleich zu 8,4 % bei Mädchen häufiger als wahrscheinlich psychisch auffällig klassifiziert.
  • Der Anteil der Kinder mit Hinweisen auf psychische „Auffälligkeiten“ nimmt mit dem Alter zu (7 – 10 Jahre: 10,5 %, 11 – 13 Jahre: 12,5 %, 13 – 17 Jahre: 13,4 %)
  • Am häufigsten waren Angststörungen mit 10,0 % der untersuchten Kinder, gefolgt von Störungen des Sozialverhaltens mit 7,6 %. Es folgen Depressionen mit 5,4 % und Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS) mit 2,2 %. Nur in der letzten Kategorie gibt es mit Anteilen von 2,9 bei Jungen und 1,4 bei Mädchen einen starken Geschlechtsunterschied.
  • Als Risikofaktoren benennt die Bella-Studie insbesondere ein ungünstiges Familienklima und Auswirkungen eines niedrigen sozioökonomischen Status.


Hessische Kennwerte aus Schuleingangsuntersuchungen 200933Auffällige Befunde im Bereich Psyche/ Verhalten

  • bei 6,3 % der untersuchten Kinder vor (4,5 % der Mädchen, 8,1 % der Jungen),
  • waren bei Kindern ohne Geschwister häufiger (6,9 %) als bei Kindern mit einem Geschwister (5,5 %); bei Kindern mit mehr Geschwistern stieg die Quote moderat an: 2 (6,3 %), 3 (7,5), 3 und mehr (8,7).
  • ließen sich häufiger bei Kindern mit Migrationshintergrund aus der Türkei und Lateinamerika (7,3 %) feststellen,
  • waren seltener bei Kindern mit Migrationshintergrund aus dem arabischen Raum (4,9), Nord- und Westeuropa (5,1), GUS/Osteuropa (5,2), Asien (5,5), Afrika (5,7) und dem Europäischen Mittelmeerraum (6,1), bei Kindern ohne Migrationshintergrund lag die Quote bei 6,5 %.


Nach einer Schätzung der hessischen Techniker Krankenkasse auf Basis kasseneigener Daten wurden im Jahr 2009 in Hessen etwa 12.000 Kinder unter zehn Jahren wegen Angststörungen behandelt. Dies entspräche einer Quote von 3,6 %. Würde man eine ähnliche Häufigkeit an Angststörungen wie in der KIGGS-Studie annehmen, könnten diese Daten ein Hinweis sein, dass nur ein kleiner Teil der betroffenen Kinder tatsächlich behandelt wird.

 

 


  1. In der KiGGS (Kindergesundheitsstudie) wurden Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 17 Jahren befragt. Die Studie ist bundesweit repräsentativ angelegt. Befragt wurden knapp 3.000 Familien. Es wurde u. a. erfasst:
    • Körperliche Erkrankungen nach Altersgruppen (Kamtsuris et al.: „Häufigkeit von somatischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ Bundesgesundheitsblatt. Band 50, Heft 5/6, Mai/Juni 2007, S. 686-700.
      • Bei akuten und ansteckenden Erkrankungen wurde die 12-Monatsprävalenz erhoben,
      • bei chronischen Erkrankungen die Lebenszeit­prävalenz.
      • Für verschiedene Altersgruppen wird ein Überblick über die Belastung durch körperliche Erkrankungen gegeben.
    • Stillen: (Lange C et al.: Verbreitung, Dauer und zeitlicher Trend des Stillens in Deutschland, Bundesgesundheitsblatt 2007 50:624-633).
    • Übergewicht (Kurth et al. Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Bundesgesundheitsblatt. Band 50, Heft 5/6, Mai/Juni 2007, S. 736-743.
    • Psychische Gesundheit – In dem Modul Bella-Studie wurden bundesweit Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 17 Jahren befragt (Ravens Sieberer et al.: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt 2007, 50: 871-878)
    • ADHS – Untersucht wurden Kinder und Jugendliche von 3-17 Jahren. Es wurden Lebenszeitprävalenzen (Kind oder Jugendlicher war in ärztlicher oder psychologischer Behandlung) und Verdachtsfälle anhand verschiedener Fragen ermittelt. (Schlack et al.: Die Häufigkeit der Aufmerksamkeits-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt 2007, 50: 827-835).
  1. In der Hessischen Schuleingangsuntersuchung wird aus der Untersuchung heraus ermittelt, ob ein auffälliger Befund im Bereich „Psyche/Verhalten“ vorliegt. Dieser Befund ergibt sich aus Parametern der Teilnahme (Kooperation/Aufmerksamkeit) und dem Verhalten des Kindes. Daten sind für das Jahr 2009 verfügbar.